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#5 in der LEI Lightbulb Blog-Serie – Sind ESG-Daten und Nachhaltigkeitsberichte international vergleichbar? Noch nicht!

Deswegen brauchen wir eine global einheitliche Identifikation von Unternehmen. Laut dem Global Corporate Reporting Survey 2021 von EY unterstützen 76% der Entscheidungsträger im Finanzbereich die Notwendigkeit einheitlicher Standards in Bezug auf Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung (ESG). Stephan Wolf erklärt, warum ein ganzheitlicher Ansatz zur Identifizierung von Unternehmen mithilfe eines globalen Standards, wie dem Legal Entity Identifier (LEI), ein grundlegender Schritt hin zu einheitlichen, kompatiblen und transparenten Analysen von ESG-Daten und Nachhaltigkeitsberichten ist.


Autor: Stephan Wolf

  • Datum: 2022-01-27
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ESG-Daten und -Berichte sind für Unternehmen ein nützliches Instrument, um die Transparenz in Bezug auf Ressourcenabhängigkeit, betriebliche Effizienz sowie soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu verbessern. Viele Entscheidungsträger weltweit nutzen ESG-Daten als Grundlage für wichtige strategische Geschäftsentscheidungen. Investoren versuchen zum Beispiel, die Nachhaltigkeitsbilanz von Unternehmen, in die sie investieren, zu bewerten. Und Finanzinstitute müssen möglicherweise prüfen, ob Finanzierungsinitiativen im Bereich Nachhaltigkeit in Frage kommen. Die Anwendungsfälle für ESG-Daten sind zahlreich und vielfältig.

Standardisierte Identifikation von Rechtsträgern: Unverzichtbar im Nachhaltigkeitsreporting

Ein zentrales Problem im Berichtswesen, der Erfassung und des Austausches von ESG-Daten ist die fehlende Standardisierung bei der Identifikation von Unternehmen. Dies macht es schwierig, ESG-Daten weltweit zu erfassen, zu vergleichen und zu nutzen. Das wiederum führt zu mangelnder Transparenz und Ineffizienz. Ohne maschinenlesbare, interoperable und global relevante Daten verlieren ESG-Berichte als Grundlage bei der Bewertung von Leistungsindikatoren und bei der Förderung nachhaltiger Investitionen an Wert. Denn ohne ein klares und standardisiertes System zur Identifikation von Unternehmen ist es unmöglich, die gesamten Aktivitäten eines Unternehmens zu verstehen. Es gibt zwar unzählige nationale und regionale Standards für die Identifikation von Unternehmen in der Welt, aber da die unterschiedlichen Kennungen nationalen Interessen dienen, erschweren sie den Abgleich von Daten über geografische Grenzen hinweg.

Eine gemeinsame Umfrage von GLEIF und der Data Foundation weist darauf hin, dass allein die US-Bundesregierung 50 verschiedene und unvereinbare Systeme zur Identifikation von Rechtsträgern benutzt. Wenn diese Fragmentierung sich noch verstärkt, indem man die Zahl der verschiedenen Kennungen weltweit mitberücksichtigt, dann wird klar, worin die Herausforderung besteht. Die Nutzer von ESG-Daten werden Unternehmensnamen manuell abgleichen und mit verschiedenen Standards bei der Übersetzung, Transliteration und verwendeten Abkürzungen umgehen müssen. All das kann teuer, zeitaufwändig und fehleranfällig sein. Wie einfach wäre es wohl für einen Investor, Klarheit im Hinblick auf die Eigentümerstruktur eines Unternehmens oder dessen Governance-Struktur zu erhalten - beispielsweise im Falle eines multinationalen Unternehmens mit weltweiten Tochtergesellschaften und jede von ihnen hat aufsichtsrechtliche Meldeverfahren mit unterschiedlichen Vorgaben zu erfüllen? Ich würde sagen, das wäre ziemlich kompliziert.

Zudem kann das Fehlen weltweit vorgeschriebener Standards bei der Identifikation von Rechtsträgern und deren Berichtswesen zu Greenwashing und anderen irreführenden Praktiken führen, wie zum Beispiel der falschen Zuweisung von Vermögenswerten.. Auch kann es die berichteten Daten unbrauchbar machen. Beispiel: Ein großer multinationaler Konzern wird aufgefordert, Informationen über sein Netzwerk an Zulieferern zu geben. Ohne ein einheitliches weltweites Regelwerk zur Identifikation des Lieferantennetzwerks sind die Möglichkeit für die Behörden selbst für grundlegende Analysen sehr begrenzt.

So kann der LEI helfen

Mit Hilfe des LEI wiederum können die negativen Auswirkungen eines Silo-Ansatzes vermieden werden, indem man auf den dringenden Bedarf eines allgemein gültigen Systems zur Identifizierung von Rechtsträgern in verschiedenen Märkten, Produkten und Regionen reagiert. Maschinenlesbar und dank seiner Verwendung in mehr als 200 Rechtsräumen grenzüberschreitend nutzbar, ist der LEI ein wichtiges Instrument für all diejenigen, die sich über globale Strategien, Vermögenswerte, Unternehmensstruktur und Werte eines Unternehmens informieren möchten. Dank einer 360-Grad-Perspektive, die der LEI bietet, können Unternehmen Greenwashing-Aktivitäten über Tochtergesellschaften nicht verschleiern.

Der ‚LEI-Datensatz‘ eines Unternehmens enthält eine Reihe von eindeutigen Informationen über die juristische Person, wie z. B. ihren eingetragenen Sitz, ihren rechtlichen Namen und ihre Eigentümerstruktur. Als internationaler Standard und Code hilft der LEI beim grenzüberschreitenden Datenabgleich und fördert einen interoperablen Standard zur Identifizierung. Er dient auch als ‚Datenverbindung‘, der die Analyse von Unternehmensinformationen aus mehreren Datenquellen ermöglicht, indem er dem Rechtsträger Identifikationsmerkmale wie den Business Identification Number Code (BIC) und die International Securities Identification Number (ISIN) zuordnet. Hierdurch ermöglicht der LEI Stakeholdern, wie Investoren und Finanzinstitutionen, auf umfassendere Daten von Rechtsträger zuzugreifen.

Mit diesen Eigenschaften bringt der LEI alle Voraussetzungen mit, um einige wesentliche, aber noch fehlende Komponenten für einen robusten, effizienten und wirksamen Rahmen für die globale Analyse von ESG-Daten und Nachhaltigkeitsberichten zu liefern: Transparenz, Einheitlichkeit und Kompatibilität.

Und der LEI kann das Vertrauen in die Nachhaltigkeitsberichte noch weiter stärken, wenn er sowohl in das digitale Zertifikat als Unterschrift zum Jahresbericht als auch in die digitalen Unterschriften der unterzeichnenden Geschäftsführer integriert ist. Diese Möglichkeit wurde von GLEIF in den vergangenen Jahren bei vielen Gelegenheiten bereits genutzt, wie beispielsweise bei der Veröffentlichung seines Jahresberichts 2020.

Wachsende Unterstützung für den LEI im nichtfinanziellen Reporting: Ein wichtiger Schritt nach vorn

Eine ermutigende Entwicklung im 3. Quartal 2021 war die Veröffentlichung der Standard-XBRL-Taxonomie seitens des Sustainability Accounting Standards Board (SASB) für Unternehmen, die Berichtspflichten gemäß den Berichtsleitlinien des European Single Electronic Format (ESEF) haben. Dies schloss die Empfehlung mit ein, den Legal Entity Identifier (LEI) in der XBRL-Taxonomie zu benutzen. Die Taxonomie bleibt allerdings insgesamt in Bezug auf den Identifier agnostisch. Die Empfehlung, den LEI im Rahmen der XBRL-Berichterstattung zu benutzen, hat zwar keine bindende Wirkung hat, stellt aber einen äußerst wichtigen Schritt dar, um das globale ESG-Berichtswesen zu standardisieren und kompatibel zu machen. Die Benutzung des LEI in XBRL-Berichten wird die Maschinenlesbarkeit als auch die Vergleichbarkeit und die Nutzbarkeit der gesammelten Daten verbessern. Der LEI bietet auch eine digitale Lösung für die Kennzeichnung von Unternehmensinformationen auf globaler Ebene. Diese trägt dazu bei, eine reibungslose und effiziente Wertschöpfungskette in der ESG-Taxonomie zu schaffen.

Andere Aufsichtsbehörden haben bereits den Wert des LEI im nichtfinanziellen Berichtswesen erkannt. So hat das Eurosystem in seiner Antwort auf die öffentlichen Konsultationen der Europäischen Kommission zur Renewed Sustainable Finance Strategy und der Non-Financial Reporting Directive (NFRD) die Bedeutung des LEI für die Verknüpfung finanzieller und nichtfinanzieller Informationen und anderer Datenquellen hervorgehoben. Das Eurosystem betonte darüber hinaus, dass der LEI die Innovation im digitalen Zeitalter und somit potenzielles Wachstum in neuen Märkten ermöglichen sowie Kosten und operationelle Risiken der berichtenden Rechtsträger verringern kann.

In Anbetracht der bestehenden Unterstützung für den LEI weist GLEIF darauf hin, dass der LEI auch bei der Optimierung der Datenerfassung und Analyse von ESG-Risiken privater und nicht börsennotierter Unternehmen helfen kann, die im Vergleich zu börsennotierten Unternehmen weniger systematisch erfasst werden. Die Aufnahme des LEI in der Due-Diligence-Checkliste durch Anbieter von ESG-Ratings und Datenprodukten kann helfen, Informationen besser zu bewerten, Unstimmigkeiten während der Vorvalidierungsphase zu erkennen und hierdurch Anleger dabei unterstützen, ihre Investitionsentscheidungen auf einer besseren Datengrundlage zu treffen.

Zusammenfassend stellt GLEIF fest: Die aktuellen Herausforderungen beim Zugang zu verlässlichen, vergleichbaren und relevanten Daten, die über nachhaltige Risiken, Chancen und Auswirkungen informieren, können stark reduziert werden. Voraussetzung hierfür ist eine verpflichtende, eindeutige und unmissverständliche Identifizierung von Rechtsträgern mithilfe des LEI bei der Erhebung und Übermittlung von ESG-Daten. Dies ist der erste grundlegende Schritt hin zu einem einheitlichen, vergleichbaren und transparenten System für den Austausch von ESG-Daten und deren Reporting, das weltweit vollständig kompatibel ist.

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Über den Autor:

Stephan Wolf ist der CEO der Global Legal Entity Identifier Foundation (GLEIF). Im Jahr 2021 wurde Stephan Wolf im Rahmen der Initiative für digitale Standards (DSI) der Internationalen Handelskammer (ICC) in das neu gegründete Industry Advisory Board (IAB) berufen. In dieser Funktion ist er Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Trusted Technology Environment“. Zwischen Januar 2017 und Juni 2020 war Herr Wolf Mitvorsitzender der International Organization for Standardization Technical Committee 68 FinTech Technical Advisory Group (ISO TC 68 FinTech TAG). Von One World Identity wurde Herr Wolf im Januar 2017 unter die Top 100 Leaders in Identity gewählt. Er verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Einrichtung von Datenoperationen und globalen Implementierungsstrategien. Er hat während seines gesamten Berufslebens an der Weiterentwicklung grundlegender Unternehmens- und Produktentwicklungsstrategien gearbeitet. Herr Wolf war 1989 Mitgründer der IS Innovative Software GmbH und erster Geschäftsführer der Gesellschaft. Später war er Sprecher des Vorstands der Nachfolgegesellschaft IS.Teledata AG. Diese Gesellschaft wurde schließlich Teil der Interactive Data Corporation, in der Herr Wolf die Funktion des Technischen Direktors innehatte. Herr Wolf hat einen Abschluss in Betriebswirtschaft von der J. W. Goethe Universität, Frankfurt am Main.


Tags für diesen Artikel:
Global Legal Entity Identifier Foundation (GLEIF), Compliance, Regulierung, Standards, Vorteile eines LEI aus unternehmerischer Sicht