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European Business Wallet: Mehr als eine digitale Brieftasche für Unternehmen

Oliver Wieck, Generalsekretär von ICC Germany und Vorsitzender des ICC DSI Legal Reform Advisory Board, erklärt, warum die European Business Wallet weit mehr ist als ein weiteres digitales Tool – und worauf es bei ihrer Ausgestaltung jetzt ankommt.


Autor: Oliver Wieck, Generalsekretär der ICC Deutschland und Vorsitzender des ICC DSI-Beirats für Rechtsreformen

  • Datum: 2026-08-17
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Oliver Wieck, Generalsekretär von ICC Germany und Vorsitzender des ICC DSI Legal Reform Advisory Board, erklärt, warum die European Business Wallet weit mehr ist als ein weiteres digitales Tool – und worauf es bei ihrer Ausgestaltung jetzt ankommt.

ICC Germany vertritt als deutsche Landesorganisation der International Chamber of Commerce die Interessen von Unternehmen im internationalen Handel – von der Handelsfinanzierung bis zur Digitalisierung grenzüberschreitender Geschäftsprozesse. Aus dieser Perspektive beobachten wir die Arbeiten an der European Business Wallet (EBW) mit großem Interesse, denn sie berührt genau das, worüber Unternehmen im Auslandsgeschäft seit Jahren klagen: den wiederholten, aufwendigen Nachweis der eigenen Identität gegenüber Behörden und Geschäftspartnern in jedem einzelnen Mitgliedstaat.

Die European Business Wallet ist kein weiteres digitales Portemonnaie. Sie ermöglicht, dass einmal verifizierte Nachweise – etwa Lizenzen, Zertifikate oder Vollmachten – nicht bei jeder Transaktion neu eingeholt werden müssen, sondern EU-weit wiederverwendet werden können.

Warum führt der Name „Wallet" in die Irre?

Weil es nicht darum geht, Dokumente digital zu verstauen, sondern um einen Paradigmenwechsel: weg von wiederholten Einzelprüfungen, hin zu einmalig geprüften Nachweisen, die immer wieder genutzt werden können. Die Europäische Kommission hat die EBW im Rahmen ihres Digital Package 2025 als digitale Infrastruktur vorgeschlagen, mit der Unternehmen sich EU-weit identifizieren, authentifizieren und rechtssicher Daten austauschen können. Für kleine und mittlere Unternehmen, die sich größere Compliance-Abteilungen nicht leisten können, ist das ein handfester Wettbewerbsvorteil.

Warum ist die Identität des Unternehmens so wichtig?

Damit eine Business Wallet mehr ist als eine weitere App, muss sie auf einer verlässlichen Identität für juristische Personen aufbauen. Innerhalb der EU macht die Wallet-Architektur diese Verknüpfung zwischen Unternehmen und ihren Vertretern digital nachprüfbar – ein Fortschritt, den wir bei ICC Germany ausdrücklich begrüßen. Die eigentliche Frage aus Sicht des internationalen Handels ist aber: Was passiert an der EU-Grenze?

Für die Geschäftsbeziehung zu Partnern außerhalb der EU braucht es einen Standard, den auch Banken, Behörden und Unternehmen in anderen Weltregionen bereits kennen und akzeptieren. Genau hier kommt der Legal Entity Identifier (LEI) ins Spiel – eine ISO-genormte, weltweit eindeutige Kennung, die ein Unternehmen zweifelsfrei mit seinen Referenzdaten verknüpft, unabhängig davon, in welchem Land es registriert ist oder mit wem es Geschäfte macht.

Mit dem verifizierbaren LEI (vLEI) kommt eine weitere Ebene hinzu: Er soll kryptografisch überprüfbar die Identität eines Unternehmens, die Identität der handelnden Person und den Umfang ihrer Vertretungsbefugnis verbinden – dieselbe Verknüpfung, die die Wallet-Architektur innerhalb der EU leistet, allerdings über die EU hinaus.

Was zählt aus Sicht der Wirtschaft jetzt?

Aus meiner Arbeit bei ICC Germany, als Vorsitzender des ICC DSI Legal Reform Advisory Board und im Austausch mit Unternehmen aller Größenordnungen sehe ich vor allem drei Punkte:

  • Global anerkannte Kennungen einbinden. Der LEI und der vLEI sind bereits heute etablierte, regulatorisch anerkannte Standards. Sie in die Business Wallet zu integrieren, schafft von Anfang an internationale Anschlussfähigkeit, statt sie später nachzurüsten.
  • Technologieneutralität. Mehrere Wallet-Anbieter werden nebeneinander antreten. Interoperabilität zwischen ihnen darf keine Kür sein, sondern muss von Anfang an verpflichtend vorgeschrieben werden – sonst drohen neue Insellösungen statt eines einheitlichen Marktes.
  • Betrugsprävention von Anfang an. Eine Wallet, die den Zugang zu Unternehmensnachweisen und Vertretungsbefugnissen bündelt, ist auch ein attraktives Angriffsziel. Robuste Schutzmechanismen gehören von Beginn an dazu, nicht als nachträgliche Ergänzung.

Wie geht es weiter?

Die Europäische Kommission beziffert das Einsparpotenzial der European Business Wallet auf mehrere Milliarden Euro an Verwaltungskosten sowie deutlich größere jährliche Einsparungen für Unternehmen durch schlankere Prozesse. Diese Zahlen sind beeindruckend, aber sie werden nur Realität, wenn die Wallet von Anfang an als vertrauenswürdige, überprüfbare und internationale Infrastruktur gedacht wird – nicht als europäisches Silo.

Deshalb hat sich GLEIF gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft und Politik in die Konsultation zur Ausgestaltung der EBW eingebracht. Der Rat der EU hat am 9. Juni 2026 seine Verhandlungsposition beschlossen; nun beginnen die Trilog-Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament, mit dem Ziel einer politischen Einigung noch in diesem Jahr. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt, aus einer guten Idee eine Infrastruktur zu machen, die über Europa hinaus interoperabel ist und auf die sich Unternehmen verlassen können.

Eine European Business Wallet, die diesen Anspruch erfüllt, wäre tatsächlich mehr als eine digitale Brieftasche: Sie wäre ein Vertrauensfundament für den globalen Handel – und genau dafür stehen die ICC und ICC Germany: Handel über Grenzen, Systeme und Rechtsräume hinweg zu erleichtern.

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Über den Autor:

Oliver Wieck ist seit Oktober 2013 Generalsekretär der ICC Deutschland. Die ICC ist die einzige globale Wirtschaftsorganisation mit einem Netzwerk nationaler Sektionen in mehr als 90 Ländern. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von Standards und Regeln für den internationalen Handel. Im Rahmen der Digital Standards Initiative (DSI) der ICC leitet Herr Wieck den Beirat für Rechtsreformen, der sich für die Angleichung der rechtlichen Rahmenbedingungen für die Digitalisierung des Handels weltweit einsetzt. Von 2008 bis 2013 war Herr Wieck Leiter der Abteilung Außenhandelspolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und befasste sich dort mit Fragen des internationalen Handels, den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen, der Exportfinanzierung, dem Außenhandelsrecht sowie Zollfragen.


Tags für diesen Artikel:
Legal Entity Identifier (LEI), Verifizierbarer LEI (vLEI), Global Legal Entity Identifier Foundation (GLEIF), Digitale Identität